Für Tiere sprechen | Das Leben aus Sicht eines Pferdes – Mein Leben als …
16990
single,single-post,postid-16990,single-format-standard,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-theme-ver-7.5,wpb-js-composer js-comp-ver-4.12,vc_responsive
 

Das Leben aus Sicht eines Pferdes – Mein Leben als …

25 Apr Das Leben aus Sicht eines Pferdes – Mein Leben als …

In dieser Serie von Tiergesprächen befragen Ann-Christin Pabst von Für Tiere sprechen und Natalie Eckert von wortbeflügelt Tierkommunikation Pferde über ihr Leben in Zucht, Sport und Show, in Reitschulen und auf Ponyhöfen. Wir wollen herausfinden, wie sich diese Pferde in ihrem früheren Leben als … fühlten, wie sie ihre Aufgabe empfanden, was sie sich wünschten und was sie den Menschen heute mitteilen möchten.

Zum Auftakt dieser Reihe sprachen wir mit der ehemaligen Zuchtstute D.. Die inzwischen 15jährige Stute wurde vor zwei Jahren aus der Zucht genommen.

Ein junges, lebensfrohes Pferd, das Fell glänzt in der Sonne, berstend vor Energie springt und buckelt es über die Koppel. Ein hoffnungsvoller Start ins Leben. Doch dieses Bild bricht in sich zusammen. Der Mensch ist für die Stute eine große Enttäuschung. Er brach sie und nahm ihr ihren Stolz, ihre Würde, ihre Anmut. Was bleibt ist ein Abklatsch dessen was sie eigentlich ist. Hier steht ein müdes Pferd in seiner Box, abgeschaltet und schicksalsergeben.

Das hier ist mein Leben. Aber es ist nicht mein eigenes Leben. Die Menschen bestimmen alles. Sie bestimmen, wann ich eingesperrt bin und wann ich rauskomme. Sie bestimmen wann und was ich fresse. Sie bestimmen was sie mit mir machen wollen. Sie bestimmen wann sie Mutter und Kind voneinander trennen. Es ist mein Leben, aber eigene Entscheidungen darf ich nicht treffen.

D. ist eine starke, mütterliche Stute, die weiß was sie will. Sie hat geliebt und dann wurde ihr alles genommen, wieder und wieder. Eine Tiermutter denkt und fühlt nicht anders als eine Menschenmutter. Die Ungewissheit, was aus ihren Fohlen wird, und die Angst, dass sie das gleiche Schicksal trifft – vom Menschen rücksichtslos ausgewählt, um ihm zu dienen – haben D. traumatisiert und gebrochen. Der Schmerz, den sie aus ihrem früheren Leben als Zuchtstute in sich trägt, bestimmt noch immer ihren Alltag.

Die Winter sind lang. Ich stehe in meiner Box und trauere um meine Fohlen. Mein Bauch wird immer schwerer, es wächst wieder ein Fohlen darin. Wie letztes Jahr. Im Frühjahr schmerzen meine Gelenke vom langen Stehen und dem Gewicht, das immer mehr auf ihnen lastet. Was kann ich meinem Fohlen schon bieten? Wir werden nie mit einer Herde weiterziehen. Es wird im Stall zur Welt kommen, lebt mit mir in meiner Box und im Sommer gehen wir auf die Weide. Das ist eine schöne Zeit. Aber der Sommer ist schnell vorbei. Und bald nehmen sie es mir weg und ich soll ein neues bekommen. Wir sind kaum zusammen, die Zeit ist so kurz. Ich wünsche so sehr, dass meine Kleinen ein besseres Leben erwartet als das meine. Aber ich weiß nicht, ob es das gibt. Ich würde sie lieber nicht gebären in diese Welt, in der es keine Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Leben gibt.

Das Schlimme an ihrem Leben als Zuchtstute war für D. nicht, dass sie mehrere Fohlen bekam, sondern dass sie sich immer nur wie ein Instrument gefühlt hat. Sie hätte sich gewünscht, dass sie mehr gesehen und wirklich wahrgenommen wird. Das Muttersein war wunderschön für sie. Die Trennungen aber waren hart, besonders weil sie erlebt hat, wie Menschen mit Pferden umgehen und sie ihre Kinder davor nicht schützen konnte.

Ich hätte es geliebt, Fohlen zu gebären, wenn wir in einer Herde auf einer großen Wiese gelebt hätten, einer wirklich großen, weiten, wo wir zusammen mit den anderen frei umherstreiften den ganzen Tag. Meine Fohlen hätten die Welt kennengelernt wie sie sein sollte. Eines Tages wären sie groß geworden und hätten sich von mir gelöst. Sie wären ihre eigenen Wege gegangen in ein freies, selbstbestimmtes Leben. Es ist so wichtig ein eigenes Leben zu haben. Ich hätte so gern ein eigenes Leben gehabt.

D. hätte sich so sehr gewünscht, dass sie Menschen sie wirklich lieben, sie sehen und verstehen. Sie sehnt sich nach einem Leben in liebevoller Umgebung mit Menschen die Verständnis haben anstatt sie zu benutzen und kaputt zu machen. D. ist körperlich und psychisch am Ende. Hoffnung auf Heilung hat sie keine mehr. Sie wünscht sich einfach nur noch Pferd sein zu dürfen, mit anderen Pferde auf Weiden, ohne Ansprüche zu erfüllen, dazu ist sie eh nicht mehr in der Lage. Klagen will sie nicht mehr, sie hat resigniert. Doch ihre Botschaft an die Menschen ist unmissverständlich und klar:

Mein Körper schmerzt. Ich bin aufgebraucht. Ich bin am Leben, aber ich lebe nicht. Ich bin eingesperrt und warte, dass dieses Leben vorbei geht. Die Menschen benutzen mich nur. Warum tut ihr das? Ich verstehe das nicht. Ihr seid im Kern nicht schlecht. Warum schaut ihr nur nicht hin? Ihr möchtet doch auch euer Glück, genauso wie wir! Ihr müsst aufwachen und sehen, was ihr tut! Wir alle sind Lebewesen, Lebewesen mit einer anderen Sprache. Ihr versucht nicht mal unsere Sprache zu verstehen und erwartet nur, dass wir eure lernen. Hört auf uns für eure Zwecke zu benutzen. Warum können wir nicht gemeinsam Spaß haben, anstatt euren Spaß auf unseren Kosten? Schaut uns an, hört uns zu und behandelt uns bitte auf Augenhöhe und mit Respekt!

Wir bedanken uns bei D., dass sie sich für dieses Gespräch geöffnet hat und sind selbst entsetzt, wie hart ihr Leben sie getroffen hat. Wir hoffen mit D., dass die Veröffentlichung dieses Gesprächs zumindest einige Menschen zum Umdenken bewegt, dazu, genauer hinzuschauen, wie Pferde in menschlicher Obhut sich fühlen und sich vorzustellen, was Pferde sich wünschen – denn es ist das gleiche, das auch wir uns wünschen: Liebe und ein glückliches, möglichst freies Leben.

No Comments

Sorry, the comment form is closed at this time.